Tritt man
diese kleine Reise an, beschleicht einen doch das Gefühl einer
großen Fahrt, da sich das Zeitgefühl wie die Raum- und
Ortserfahrung auf einmal grundlegend verändern.
Mit insgesamt vier KHGlerInnen sind wir
am 11. Januar 2014 zur ersten Samstagsaktion der FreiZeit im neuen
Jahr mitgefahren. Gut und gern kamen so 16 Personen, Studierende wie
Berufstätige zusammen, um mit den Lagerkindern den Nachmittag zu
gestalten und zu verbringen.
Mit dem Zug
fuhren wir von Osnabrück ab und erreichten nach etwa 20 Minuten den
Bahnhof Hesepe, wo uns das evangelische Gemeindehaus zur Verfügung
stand. Ein Teil der Teamer bereitete den Raum für die Bastelaktion
„Kissen gestalten“ vor und zehn Personen fuhren zum Lager in
Bramsche, um die Kinder zu holen. Am Lager
angekommen, passierten wir unproblematisch die Kontrollstation und
konnten durch das Lager gehen, um Kinder im Alter von 6-10 Jahren für
den Nachmittag einzuladen.
Theoretisch ist die Aktion bei den dort
lebenden Familien bekannt, praktisch erfahren die Kinder und ihre
Eltern eher spontan davon, dass die Kinder die Möglichkeit haben,
das Lager für ein paar Stunden zum Spielen, Basteln und Spaß haben
zu verlassen. So durchstreiften wir an diesem Nachmittag das Lager –
eine ehemalige Kaserne –, um Kinder zu suchen. Der Eindruck und die
Atmosphäre, beeinflusst auch durch das nass-kalte graue Wetter,
hatte für mich etwas Gespenstisches und zugleich sehr Steriles. Die
Häuser machten alle einen gepflegten Eindruck, nur kommt man nicht
darauf, dass hier Menschen aller Altersstufen und verschiedenster
Nationalitäten wohnen und leben. Nur vereinzelt begegneten uns
Menschen auf dem Gelände. Mein Eindruck war eher, dass ich ein
Industriegelände am Wochenende besuche. Die Arbeit liegt still,
nichts passiert.
Bedenkt man
aber, dass in den wohl neu aufgestellten Containern und auch in den
einzelnen Räumen der verschiedenen Blocks gut 600 Menschen auf die
Entscheidung ihres Asylantrags warten müssen, gewinnt der Besuch
eines des größten Aufnahmelagers unseres Landes an neuer Brisanz.
Hier leben Menschen und warten darauf zu hören, wie es mit ihrem
Leben und dem ihrer Kinder weitergeht. Ausgestattet sind sie mit dem
notwendigsten, was man zum Leben braucht. Viel mehr aber wohl auch
nicht.
Die über
150 Kinder, die dort zurzeit leben, bekommen jeden Tag zwei Stunden
Unterricht in der Lagerschule. Gelehrt werden Fächer wie Deutsch und
Mathematik. Sobald sie ein gewisses Lernniveau erreicht haben, können
sie auf öffentliche Schulen wechseln.
Ich frage
mich hierbei allerdings, wie viele Kinder dazu die Gelegenheit haben
und sie nutzen können? Und zugleich bewegt mich die Frage, wie mag
wohl ihre und vor allem die Zukunft der anderen Kinder aussehen, die
diese Chance nicht haben?
An unserem
Nachmittag hatten wir die Möglichkeit, 19 Kinder zum Gemeindehaus
mitzunehmen und ihnen somit eine kleine Freude zu bereiten. Der Weg
vom Lager zum Gemeindehaus wird zu Fuß zurückgelegt. Hier hatten
wir schon die erste Gelegenheit, die Kinder kennenzulernen. Zwei
Schwestern, die aus Serbien kamen, freuten sich über den
Spaziergang. Sie zeigten mir „schöne Häuser“, hatten Freude am
Balancieren auf Grundstücksmauern und am Erzählen, sofern das ging.
Gemeinsam hatten alle Kinder Spaß daran uns zu zeigen, wie toll und
wie weit sie zählen konnten. Bis 100 ist das überhaupt kein
Problem!
Am
Gemeindehaus angekommen, sangen wir ein Begrüßungslied, bei dem
alle Namen zusammen mit einer Geste vorgestellt wurden. Im Anschluss
wurden in verschiedenen Gruppen vorbereitete Kissenbezüge bemalt,
mit Schleifen verfeinert oder mit Knöpfen verschönert. Alle Jungen
und Mädchen hatten hierbei große Freude. Schön war es, dass die
Kissen später alle präsentiert wurden und alle Kinder alle
Kunstwerke lautstark beklatscht haben! Jedes Kind hatte an diesem Tag
sein eigenes Erfolgserlebnis! Schließlich wurden zusammen noch
Mandarinen und Plätzchen gegessen wie Wasser getrunken. Danach wurde
jedes Kind mit Schokoladen-Nikoläusen beschenkt, so dass die Augen
über die Ausbeute des Nachmittags – über die Kissen wie die
Schokolade – strahlen konnten und der Heimweg nach einem
Abschlusslied gut gelaunt angetreten werden konnte.
Für die
Kinder wie für alle Erwachsenen und uns KHGlerInnen war der
Nachmittag eine tolle Erfahrung. Über alle Sprachbarrieren hinweg
haben wir eine wunderbare Gemeinschaft erlebt, die existenzielle wie
alltägliche Probleme für ein paar Stunden vergessen ließen. Die
FreiZeit-Veranstaltung war eine wirkliche Freizeit – eine gelungene
Auszeit, und dafür gebührt den Akteuren der FreiZeit großen Dank.
Durch ihr herzliches Engagement und ihre große Kreativität schenken
sie den Kindern ein paar unbeschwerte Stunden, wie man sie jedem Kind
nur wünschen kann.
Dennoch
bleibt so ein Nachmittag nicht ohne Wirkung – zumindest bei mir.
Fragen nach unserer heutigen Asylpolitik drängen sich auf, Fragen
nach der Bildung der Kinder rücken in den Vordergrund, gerade dann,
wenn G8-Fragen, Pisa-Studien und bildungspolitische Forderungen für
unsere eigenen Kinder hier immer wieder neu diskutiert und ihre
Bedeutung nicht hoch genug gehängt werden kann. Welche Möglichkeiten
haben die Asylbewerberfamilien, die aus den unterschiedlichsten
Gründen ihre Heimat verlassen mussten? Wann finden sie ein neues
Zuhause? Wann und wo finden sie ihre neue Heimat? Wie werden sie
willkommen geheißen? Und inwiefern haben sie dann noch die
Möglichkeit, ihre eigene Geschichte, ihre eigene Kultur in ihren und
unseren Alltag einfließen zu lassen?
Und die
wichtigste Frage ist für mich, wie können wir den Kindern den
Übergang und später den Start in ein neues Leben erleichtern? Ein
wichtiger Punkt ist dabei die Frage nach der Bildung, ein anderer ist
die Frage nach unserer Bereitschaft zur Integration. Wie integrieren
wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ihren sicherlich nicht
einfachen Erfahrungen als AsylbewerberInnen in unserem
Land?
Die FreiZeit
hat mir gezeigt, wie leicht man Brücken schlagen kann, wie man mit
wenigen Hilfsmitteln ein paar Stunden wunderbar gestalten kann und
wie gleich alle Kinder sind: Alle wollen angeschaut, gesehen werden,
alle wollen lachen und sich ausprobieren – so kann man Kinder
leicht glücklich machen und so strahlen Kinderaugen aus tiefsten
Herzen.
Danke für
diese Erfahrung!
Birgit
Hosselmann, Hochschulseelsorgerin in der KHG Osnabrück
Wer
bei der FreiZeit für Flüchtlingskinder mitmachen möchte, kann die Initiative gerne kontaktieren.
Weitere
Hinweise zu ihrer Arbeit gibt es auf: http://fff-os.blogspot.de/